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WOLFGANG KOEPPEN: Der Tod in Rom. Knapp 200 S. Als Suhrkamp Taschenbuch in der Ausgabe von 2007 für 8,00 €, oder zusammen mit den Romanen "Tauben im Gras" und "Das Treibhaus" als Bibliothek Suhrkamp-Band 926 für 19,80 €. "Ein unbestrittener, fast etwas legendärer Gipfel der deutschen Nachkriegsprosa", lautete ein Urteil 1969, als Koeppens Anfang der 50er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland erschienenen Romane "Tauben im Gras" (1951), "Das Treibhaus" (1953) und "Der Tod in Rom" (1954) neu herausgegeben wurden. Der deutsche Autor Uwe Timm in seinem Essay "Seine Zeit in Sprache gefasst" über Wolfgang Koeppen, erschienen in dem Band mit Erzählungen "Schwule Nachbarn" (2007): "'Der Tod in Rom' war das Erste von Koeppen, was ich las, und es war eine Offenbarung, in keinem anderen deutschen Roman hatte ich bis dahin ein ähnliches Tempo, eine ähnliche Bilderflut, einen vergleichbaren Furor der Sprache gefunden. Danach las ich die Romane 'Das Treibhaus' und 'Tauben im Gras', also in umgekehrter Reihenfolge ihrer Entstehung./ Das Fesselnde, ja Ergreifende dieser Lektüre war diese Erfahrung: Was als Stimmung vor jeder Artikulation in mir war, wurde hier zur Sprache gebracht, (...) In einer am Film geschulten Schnitttechnik, einer Cut-up-Methode, einer Montagetechnik wird die Gesellschaft der fünfziger Jahre in 'Tauben im Gras' vorgeführt: Nutten, Schieber, GIs, Kneipiers, Schwule, Lesben, Geschäftsleute, Antiquitätenhändler, Schauspieler, ein bekannter amerikanischer Dichter (...) Vor allem, und dies ganz besonders in 'Der Tod in Rom', ist es die Musikalität der Sprache mit ihren langen melodischen Stellen, die jäh von harten Stopps unterbrochen werden, von Stakkato-Sequenzen, die an Jazz erinnern, dann wieder ein Aufbrausen, eine bombastische sprachliche Melodienfolge und an Wagner denken lässt. Die immer wieder auch in der ersten Person erzählende Hauptfigur, Siegfried Pfaffrath, ist Tonsetzer und Kollege Adrian Leverkühns. (...) Viele Gestalten aus 'Der Tod in Rom' erinnerten an Bilder von George Grosz, wie Judejahn oder dessen nornenhafte Ehefrau Eva, wie der Bürgermeister Pfaffrath und dessen Sohn Dietrich. (...) Dieser Siegfried Pfaffrath, Komponist und schwul, steht wie ein Gegenentwurf zu all den Angepassten, Duckmäusern, Tätern, er ist einer, der in seiner Kunst und in seiner Existenz die Gesellschaft in Frage stellt. Noch immer war die Nachkriegsmentalität bestimmt vom kriegerischen Männlichkeitswahn, von Tapferkeit, Treue, von Mutterkreuzen für Gebärfreudigkeit, dem Blut-und-Boden-Geraune, das auf Stammbaum achtet und Nachkommenschaft will. Das alles stellt Siegfried Pfaffrath durch seine Existenz infrage. Eine radikale Verweigerung./ Zum ersten Mal fand ich in der deutschen Literatur einen Schwulen, der nicht, wie in 'Tod in Venedig', für Vergeblichkeit und Entsagung steht, sondern ein Rebell ist." TIM STAFFEL: Jesús und Muhammed. Eine Liebesgeschichte. Transit Verlag, gebunden, 138 S., 14,80 € Muhammed, ein ehrgeiziger, etwas unordentlicher Mitarbeiter des Sylter Ordnungsamts, und Jesús, ein Mittzwanziger mit spanischen Wurzeln, von irgendwoher auf dieser Insel gestrandet, Überlebenskünstler voller provokanter Energie, entwickeln eine spannende, zarte und schließlich bedrohlich-turbulente Beziehung, aus der es nur den einen Ausweg geben kann.../ In lakonisch-nüchterner Prosa und in schnellen, präzisen Dialogen entfaltet Tim Staffel, Jahrgang 1965, seit 1993 in Berlin lebend ("Terrordrom", "Rauhfaser"), eine höchst ungewöhnliche und furiose Geschichte zweier junger Männer. Eingebettet ist sie in ein ebenso ungewöhnliches Umfeld: eine türkische Familie, fest verankert im mondänen Westerland; ein Lokal, in dem sich Jugendliche jedweder Herkunft treffen; ein erfolgreicher anatolischer Immobilienhändler, der mit einer deutschen Naturschützerin verheiratet ist; ein fürsorglicher Anarchist am Steuer einer Straßenkehrmaschine. Andrea Gerk stellte das Buch auf "NDR Kultur" am 27.05.08 vor: "Zwei junge Männer lernen sich auf Sylt kennen. Die Eltern des Einen sind vor vielen Jahren als Gastarbeiter auf die Insel gekommen, ihr Sohn Muhammed ist ein ganz normaler deutscher Junge, was man von Jesús nicht unbedingt sagen kann. Mit einer Plastiktüte über dem Kopf findet ihn Muhammed eines Tages an der Küste: wie Strandgut - eine verlorene Seele, ein Outlaw, der durch irgendetwas, das unbekannt bleibt, traumatisiert ist. So beginnt die Geschichte einer großen Liebe und einer Selbstaufopferung - denn Muhammed glaubt, den selbstzerstöerischen Jesús retten zu können. Er gibt sich diesem eigenwilligen Wesen ganz hin, und verliert dabei Arbeit, Freunde und beinahe auch sich selbst. (...) Erzählt ist die Geschichte von Jesús und Muhammed dabei so zeitgemäß wie poetisch: pointierte, kurz aneinander geschnittene Dialoge - die den Theaterautor Staffel zeigen - wechseln sich mit Erzählpassagen ab. Literarisches Kopfkino im besten Sinne - voll von großen Gefühlen und Bildern." ALAIN CLAUDE SULZER: Ein perfekter Kellner. Suhrkamp TB, 215 S., 8,00 € Ursula März schrieb in der Wochenzeitung "DIE ZEIT", 42/2004: "Der 51-jährige deutsch-schweizerische Schriftsteller Alain Claude Sulzer greift in seinem neuen Roman 'Ein perfekter Kellner' auf ein Lieblingsgenre der Hotelerzählung zurück: das Melodram. Erzählt wird die Geschichte des alternden homosexuellen Kellners Erneste, dem Dienen nicht nur Beruf, sondern Gefühlsform ist. Seit Erneste vor 30 Jahren den Mann seines Lebens, den von vielen begehrten Jakob, verlor, dient sein Leben der Erinnerung an diese eine Liebe. Erneste und Jakob waren in den dreißiger Jahren Kellner eines Schweizer Grandhotels. Sie bewohnten gemeinsam ein Angestelltenzimmer. Erneste fand in dieser (fabelhaft, so dezent wie deutlich geschilderten) sexuellen und seelischen Zweisamkeit alles, was er je gesucht, erträumt, ersehnt hatte. Jakob findet darin nur eine Etappe auf dem gesellschaftlichen Weg nach oben. Er trifft eine brutale Entscheidung. Er folgt einem berühmten, ihn aushaltenden Schriftsteller (in dem eine Fiktion Thomas Manns zu erkennen ist) nach Amerika ins Exil. 30 Jahre später, im Jahr 1966, erhält Erneste, der nie mehr von Jakob gehört hat, plötzlich einen Brief aus New York. Impertinent wie eh und je, fordert Jakob Erneste auf, bei dem alten Schriftsteller Geld zu besorgen. (...) Seine Erzählform ist novellenheft, seine Montagedramaturgie wechselt zwischen Rückblenden in die dreißiger Jahre und fortlaufendem Handlungsbericht der erzählten Gegenwart, den sechzigern. Bei all diesem literarischen Handwerk, bei der Inszenierung des Bühnenhintergrundes aus Milieu und historischer Zeitgeschichte, besitzt Alain Claude Sulzer eine geradezu klassische, ja altmodische Souveränität." Jochen Schimmang urteilte auf "Deutschland-Radio": "Liebesverrat und der große Schmerz sind kein neuer Stoff, sogar renommierte Literaturwissenschaftler haben sich schon darüber hergemacht. Man kann den Stoff allerdings immer wieder neu erzählen und ihm, wenn das gelingt, so eine Würde geben. Das geschieht bei Sulzer (...) auf bewegende Art und Weise. (...) Sulzers eher leiser Roman wird von einer durchaus spannend konstruierten Handlung angetrieben. (...) Sulzers große Leistung, die er übrigens fast nur über seine ruhig dahin fließende, sorgsam durchgearbeitete Sprache bewerkstelligt, besteht darin, Erneste nicht zu einer komischen Figur oder einer unbewusst vegetierenden Kreatur zu degradieren. (...) Wenn die Kritik nicht die wuchtigen Stoffe und voluminösen Werke vorstellen kann, ihr ein Buch aber dennoch sehr gut gefällt, spricht sie gern von einem 'Kleinod'. Ich gestehe, dass mir in diesem Fall auch nichts Besseres einfällt, und ich wünsche, dass möglichst viele Leser dieses Kleinods ansichtig werden." CHRISTOPHER ISHERWOOD: Der Einzelgänger. Männerschwarm Verlag, 192 S., 18.00 € "Dies ist einer der ersten und der besten Romane der heutigen Schwulenbewegung", urteilte Schriftstellerkollege Edmund White über Christopher Isherwoods "Der Einzelgänger", 1964 erstmals veröffentlicht. Einen Tag lang folgen wir George (58), einem Uni-Professor aus Los Angeles. Wie er aufwacht, auf der Toilette sitzt, die spießigen Nachbarn beobachtet. Wie er mit dem Auto zur Uni fährt, unterrichtet, mit Studenten philosophiert. Wie er seine beste Freundin besucht, die zurück nach England will, und wie er die Nacht mit einem Studenten durchzecht. Es ist, wie wir am Ende erfahren, die letzte Nacht von George, dem Einzelgänger. George ist eine tragische Figur. Sein Freund kam vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Zwar hat der als Schwuler Selbstbewusstsein, doch verbirgt er sein Inneres vor der Außenwelt, die Bescheid weiß, aber keine Details wissen möchte. Nicht einmal seine beste Freundin, die ihre eigene Einsamkeit herausheult, hat ein Ohr für Georges fortbestehende Trauer über den Verlust seiner großen Liebe und die Leere, die er immer wieder verspürt. Die Nacht mit dem Studenten Kenneth weckt in ihm noch einmal jugendliche Kraft und Übermut, lässt ihn aber auch seine eigenen körperlichen Grenzen deutlich spüren. Die Atmosphäre ist zwar erotisch aufgeladen, es kommt aber zu keinem realen körperlichen Kontakt. George wahrt eine ironische Distanz zu seinem Dasein, er (er)trägt das Alleinsein mit Humor und er bezieht deutlich Stellung zum Außenseitertum und zum Umgang der Gesellschaft mit Minderheiten. Der gebürtige Brite und spätere US-Staatsbürger Christopher Isherwood (1904-1986) war bei Schreiben des Romans ebenfalls Ende 50 - allerdings seit 1953 mit einem rund 30 Jahre jüngeren Maler liiert. Wie so oft in seinen Geschichten stecken viele Motive seines eigenen Lebens in den Zeilen. Diese Wahrhaftigkeit und Offenheit macht den Roman tatsächlich zu einem der besten der Community, gestern wie heute. Seine Romane über seine Berliner Zeit, "Mr. Norris steigt um" (1935) und "Leb' wohl Berlin" (1939), bildeten den Stoff für das Musical "Cabaret". Detlef Grumbach (Hg.): SCHWULE NACHBARN. 22 Erlebnisse. Männerschwarm Verlag 2007, gebunden, 256 S., 18.80 € Viele Pressestimmen und das Nachwort auf www.maennerschwarm.de Wie nehmen eigentlich heterosexuelle Schriftsteller der Gegenwartslitera-tur schwule Nachbarn, Kollegen, Freunde etc. wahr? Aus Anlass des 15. Geburtstags des Männerschwarm Verlags in Hamburg (hervorgegang-en aus der gleichnamigen Hamburger schwulen Buchhandlung, Geschäftführer ist der Herausgeber des Bandes, der freie Journalist und Verleger Detlef Grumbach, 55) hat Grumbach zahlreiche AutorInnen mit dieser Frage konfrontiert. Herausgekommen ist eine Anthologie mit 20 Erzählungen von bekannten Autoren wie z.B. Bodo Kirchhoff, Uwe Timm, Christine Wunnicke, Doris Gercke oder Ingo Schulze. "DIE WELT" (Tilman Krause) urteilte: "Eine Anthologie, die nicht nur mit mancher literarischen Perle aufwartet, sondern auch kultursoziologisch tief blicken lässt." Die "BASELER ZEITUNG" (Alain Claude Sulzer, dessen "Ein perfekter Kellner" wir im November gelesen haben): "Jeder der Beiträge lohnt die Lektüre." Die "SIEGESSÄULE" (Eckard Weber): "Jede dieser Geschichten ist für sich so spannend und einzigartig, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte." Der "SCHWEIZERISCHE BIBLIOTHEKS-SERVICE" (Michael Schläfli): "Nachdenklich, amüsiert, überrascht, bewegt, ertappt, zuweilen befremdet, gerührt, aber jederzeit involviert - so fühlt man sich als Leser der 22 Erlebnisse (...) Erfreulich die thematische und formale Fächerung der Texte: Die traditionelle Coming-out- und Puberträtsthematik wird erweitert durch Texte, welche die Koexistenz verschiedener Lebensformen aus stets glaubwürdigen Perspektiven thematisiert (...) Erfreulich aber vor allem die literarische Qualität (...) Anschaffen für alle zwischen 18 und 98!" Und schließlich "WDR 3" (Heide Soltau: "Es sind die leichten, komischen Geschichten, die vielleicht am meisten darüber verraten, wie tief die Klischees und Vorurteile im gesellschaftlichen Bewusstsein stecken." HELMUT KRAUSSER: Kartongeschichte. Als Taschenbuch ist der Roman von 2007 gerade (Ende 2008) bei btb, Band 73847, erschienen. 144 S., 7,00 € Eri arbeitet als Putzfrau in einem Pornokino. Dort hat sie sich in Angelo verliebt, aber der ist ein Stricher und "schwul bis in die Zehennägel". Also muss sie ihre Jungfräulichkeit irgendwie anders verlieren. Aber gilt ihre Sehnsucht nicht viel eher dem Silberfräulein, einem Mädchen, das in der Fußgängerzone als lebende, von Kopf bis Fuß mit Goldbronze bemalte Statue steht? - Ein Buch im Fast-forward-Modus. Über die Liebe. Über das Leben. Und über Leichen. Was "Die fabelhafte Welt der Amélie" für den Liebesfilm war, ist dieses Buch für den Liebesroman: einer für Menschen, die eigentlich keine Liebesromane mögen. - Dieser Anpreisung des Verlags ist voll und ganz zuzustimmen und nur eins hinzuzufügen: Die Art und Weise, in der Krausser, 1964 in Esslingen am Neckar geboren, mit dem Medium Roman und den Erwartungen des Lesers spielt, ist einfach grandios. Dass er dabei alle sexuellen Vorlieben und Identitäten mit gleich wohlwollendem Blick betrachtet, macht dieses Buch zu einem noch größeren Kleinod. "DEUTSCHLANDRADIO KULTUR" (Ursula März) urteilte: "Krausser, eigentlich für vehemente, umfangreiche Romane bekannt, hat mit dieser 'Karton-geschichte' einen kleinen magischen Reigen geschaffen, ein poetisches Rondoexperiment aus flatternden Motiven und Figuren, die sich am Ende alle in schönster Logik verknüpfen. Wie ein Spieler legt der Erzähler Bau-steine zurecht, fügt sie passend zueinander und kommentiert bisweilen das Gebilde, das unter seiner Hand entsteht. Manchmal lässt er Lücken zwi-schen den Erzählbausteinen, manchmal lässt er eine Erzählspur ins Leere laufen und verfolgt die Geschichte aus einer anderen Perspektive. Krau-ssers schwebende, ein wenig surreale 'Kartongeschichte' gleicht einem Traum, der sich erst vom Ende her entschlüsseln lässt. Dennoch, und das ist die besondere Kunst dieses Romans, fühlt sich der Leser nie verloren in der elliptischen Erzählweise." "FOCUS" (Werner Fuld): "So gewitzt und ra-sant hat lange niemand mehr gegen die Moden der mühsam auserzählten Geschichten geschrieben." "WIENER ZEITUNG": "Eminent lesbar, leicht-händig erzählt, voll souveräner Ironie und stilistischer Treffsicherheit: Ein literarisches Kabinettstück jenseits gängiger Parameter der political correctness." | ![]() | ||||||||
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